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Cameraria ohridella Deschka & Dimic, 1986 / Rosskastanienminiermotte (Sachsen)

Allgemeine Arteninformationen


Kennzeichen

Der Falter ist 4 – 5 mm lang und metallisch-ocker gefärbt. Die Flügel haben weiße, außen schwarz geränderte Querbinden. Männchen und Weibchen sind einander ähnlich. Die ovalen Eier sind kleiner als 1 mm, matt durchschimmernd gefärbt und mit bloßem Auge nur schwer erkennbar. Nach dem Schlupf sind die Larven 1 mm groß und wachsen bis 5 mm Länge. Ihre Körpergestalt ist zunächst abgeplattet, später rundlich. Die Tiere spinnen sich in einen linsenförmigen Kokon zur Verpuppung innerhalb der Blattmine ein. Auffällig und sehr typisch ist das Befallsbild der Blätter der Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), in denen die Art miniert: strichförmig parallel zu einem Blattnerv, dann seitlich weiterführend, im 2. und 3. Larvenstadium Erweiterung der Mine zu einem kreisförmigen Gebilde (Durchmesser bis zu 8 mm). Die Minen der letzten Larvenstadien sind bis 40 mm groß (Bestimmungshilfe: http://www.lepiforum.de/lepiwiki.pl?Cameraria_Ohridella ). Der Falter hingegen ist nur von Spezialisten sicher bestimmbar. Verwechslung der Befallssymptome an den Blättern mit den braunen Flecken des Blattbräunepilzes (Guignardia aesculi) möglich.

Lebensweise

Lebensweise: Die Art bildet meist 3 aufeinanderfolgende, unter günstigen Wetterbedingungen auch bis zu 5 Generationen pro Jahr. Sie fliegen im April/ Mai, Juli und Mitte August bis September. Die Falter sind tagaktiv. Bereits wenige Tage nach dem Schlupf folgt die Kopulation, wobei die Weibchen die Männchen mit Hilfe von Pheromonen anlocken. Eine Ausbreitung der Art erfolgt auf kurzem Wege über den Flug der Falter bzw. per Windverdriftung. Durch den Winterfrost werden die Puppen in den Blättern nicht abgetötet.
Lebenserwartung: Die Lebenserwartung der Falter beträgt 4 – 11 Tage.
Larvalentwicklung: Die Larvalentwicklung dauert insgesamt ca. einen Monat, je nach Witterungsbedingungen verlängert oder verkürzt sich die Entwicklungszeit um bis zu 10 Tage. Den 4-5 fressenden Larvenstadien (L1 bis L4/L5) folgen zwei Einspinnstadien (Präpupa- oder Spinnstadien, S1 und S2) ohne Nahrungsaufnahme. Nach der Begattung legt das Weibchen ca. 40 Eier auf die Blattoberseite der Wirtspflanze. Der Schlupf der Jungraupen erfolgt nach ca. 14 Tagen. Nach dem fünften Larvenstadium folgt das Einspinnen in einen Kokon. Die Dauer dieser Puppenruhe beträgt etwa zwei Wochen oder bei der überwinterten Generation 6 Monate. Es überwintern nicht nur Puppen der letzten Generation des Jahres, sondern auch ein Teil der 1. und 2. Faltergeneration. Die überwinterten Puppen verbleiben dabei im Blatt, die Falter schlüpfen im Frühjahr etwa ab Mitte April. Als Besonderheit der Art gilt, dass Puppen aller Generationen die Fähigkeit haben, in Diapause zu gehen und so zu überwintern. Diese Strategie ist wohl der Grund für den durchschlagenden Erfolg und die rasche Ausbreitung.
Nahrungsspektrum: Die Jungraupen bohren sich ins Blatt der Rosskastanie ein und ernähren sich von den energiereichen Pflanzenteilen.
Territorialverhalten: Hauptwirtspflanze ist die weißblühende Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum).
Populationsdichte: Neigt in seinem Verbreitungsgebiet zu Massenvorkommen .

Überregionale Verbreitung

Herkunftsgebiet: 1984 erstmals in Mazedonien entdeckt. Der Ursprungsort konnte bisher jedoch nicht gefunden werden. Nahe Verwandte finden sich in Japan auf Ahorn.
Aktuelle Verbreitung in Europa: Beinah flächendeckend in Europa verbreitet (http://www.cameraria.de/MAIN/menu_cameraria_d.html) Aktuelle Verbreitung in Deutschland: In ganz Deutschland flächendeckend verbreitet.

Vorkommen


Status Etablierung

Neobiota, etabliert

Nachweisabsicherung

Nein

Bestand

Aktuelle Verbreitung in Sachsen: Flächendeckend in ganz Sachsen, über 500 m ü. NN Ausdünnung der Nachweisdichte.

Verbreitung und Einbürgerung

Einbürgerungszeit: Nach 1984 explosionsartig von Mazedonien aus in weniger als 20 Jahren über ganz Europa ausgebreitet. Erstnachweis in Sachsen 1996. 1998 wurde bereits ein Massenbefall im Raum Leipzig und Dresden verzeichnet. Seit 1999 ist die Art in ganz Sachsen flächendeckend anzutreffen.
Einbürgerungsgrad in Sachsen: Vollständig eingebürgert.
Einbürgerungsweise: Durch Windverdriftung (50-150 km/Jahr) und über längere Strecken mit menschlicher „Transporthilfe“ entlang von Hauptverkehrstrassen, Autobahnen und Bahnlinien.

Phänologie


Phänogramm

Phänogramm

Lebensraum


Lebensraum im Herkunftsgebiet: Nicht bekannt
Lebensraum in Sachsen: Siedlungen, Parks, Alleen, Gärten, Stadtgrün

Habitatkomplexe

  • Gebäude, Siedlungen
  • Gehölze, Baumbestand

Habitatkomplexe Reproduktion

  • Gebäude, Siedlungen
  • Gehölze, Baumbestand
  • Wälder

Ökologische Charakterisierung

  • Eurytope Arten

Höhenstufen

  • collin
  • montan
  • planar

Management


Beurteilung

Naturschutzfachliche Beurteilung:
• In ganz Sachsen ist ein starker Befall der Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) festzustellen, welche oft in Park- und Gartenanlagen sowie als Straßenbaum kultiviert wird. Cameraria kann sich auch auf dem mit der Rosskastanie nahe verwandten Ahorn erfolgreich in Mitteleuropa entwickeln (Acer pseudoplatanus und A. platanoides), so dass ein Wirtswechsel nicht ausgeschlossen werden kann (www.cameraria.de).
• Durch den Fraß der Larven trennt sich die Blattoberhaut vom darunter liegenden Blattgewebe und damit von der Wasserversorgung ab, wodurch die Bereiche oberhalb der Minen austrocknen. Bei starkem Befall verbräunen die Blätter bereits im Frühsommer und werden vorzeitig abgeworfen.
• Bei vorzeitigem Laubfall folgt regelmäßig ein weiterer Austrieb, der aus den Reserven des Baumes mobilisiert wird und zu weiteren Vitalitätseinbußen führen kann. Hinzu kommt die erhöhte Frostanfälligkeit dieses Spätaustriebes durch das ungenügende Ausreifen des Holzes.
• Der Wasserhaushalt und die Photosynthese werden bei einem Befall nur gering beeinflusst und reduzieren das Baumwachstum nicht. Stark befallene Bäume produzieren jedoch weniger und kleinere Früchte.
• Die stadtökologische Funktion der Gewöhnlichen Rosskastanie als klimaregulierender und staubbindender Baum geht durch einen starken Befall und damit verbundenen Blattauswurf im Sommer verloren.
• Auf der Rotblühenden Rosskastanie (A. carnea) werden zwar Eier abgelegt, die Junglarven sterben jedoch wahrscheinlich aufgrund von toxischen Blattinhaltsstoffen ab. Wirtschaftliche Beurteilung: Durch vorzeitig herabfallendes Laub entstehen zusätzliche Kosten für die Reinigung der Straßen und Gehwege.

Negative gesundheitliche Auswirkungen: Keine gesundheitlichen Auswirkungen bekannt oder zu erwarten.

Wissensdefizite in Sachsen: Natürliche Gegenspieler, Konkurrenzbeziehungen, Auswirkungen auf Ökosysteme. Fazit für Sachsen: Die langfristigen Folgen für die Gewöhnliche Rosskastanien sind schwer einschätzbar, jedoch führt ein Befall nicht zwangsläufig zum Absterben des Wirtsbaumes. Die Auswirkungen beziehen sich daher vorrangig auf die Reduzierung der stadtökologischen und ästhetischen Funktion der Rosskastanie sowie auf Kosten in Verbindung mit dem vorzeitigen Laubfall.

Management

Präventive Maßnahmen: Eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Vitalität der Rosskastanien ist eine gute Wasser- und Nährstoffversorgung, vor allem in Trockenperioden. In Städten besteht die Tendenz, die weißblühende Gewöhnliche Rosskastanie durch andere Baumarten zu ersetzen.

Bekämpfungsstrategien:
• Die Entfernung des Herbstlaubes, in dem die Puppen überwintern, führt zu einer deutlichen Senkung des Befalls im Folgejahr. Durch die damit einhergehende Verschiebung des Zeitpunkts des starken Blattschadens in den Spätsommer des Folgejahres erhält der Baum für den Aufbau von Reservestoffen genügend Zeit.
Möglichkeiten zur Entsorgung des Laubes:
1. Ablieferung bei den zuständigen Stellen zur fachgerechten Kompostierung. In einfachen Komposthaufen wird nur ein geringer Teil der Puppen abgetötet.
2. Komposthaufen mit Kastanienblättern mit einer Erdschicht bedecken, so dass die Falter nicht schlüpfen können.
3. Laubhaufen spätestens Ende März mit Plastikfolie abdecken. Zu einem späteren Zeitpunkt kann das zerfallene Laub dann der normalen Kompostierung zugeführt werden.
• Einsatz von Pheromonen:
1. Pheromonfallen, um mit Sexuallockstoffen schwärmende Männchen wegzufangen. Nachteil: an Standorten mit hohen Dichten sind die Fallenböden bereits nach wenigen Stunden voll.
2. Pheromone zur Störung der Paarung („mating disruption“ – Verwirrmethode). Mit Hilfe von Dispensern (Dosierpumpen) wird um die Wirtspflanze herum eine Pheromonwolke erzeugt, in der sich die Männchen nicht mehr zu den Weibchen orientieren können.
Versuche zur Bekämpfung des Blattminierers mit Hilfe von Pheromon-Techniken führten zu einer statistisch signifikanten, aber optisch kaum wahrnehmbaren Reduktion des Blattschadens.

Nicht zu empfehlende Maßnahmen: Der Einsatz chemischer Präparate ist - besonders wenn er flächendeckend erfolgt - kostenintensiv und ökologisch bedenklich. Chemische Präparate wie Dimilin (wirkt als Häutungshemmer; muss auf die Blattoberseite und daher bei großen Bäumen mit Hochdruckspritzen und Hubschraubern ausgebracht werden) und Confidor (in Form von Stamminjektionen, führt zu krebsartigen Wucherungen) sind gegenwärtig zur Bekämpfung von Cameraria noch nicht zugelassen und mit den jetzigen Anwendungsverfahren nicht geeignet.
Das Verbrennen des Laubes ist meist nicht erlaubt und zudem aus Gründen des Naturschutzes nicht empfehlenswert.

Handlungsbedarf: In Sachsen wird der Handlungsbedarf für ein Management in öffentlichen Grünflächen in zahlreichen Einzelfällen als gegeben erachtet. Alle biologisch verträglichen Bekämpfungsmöglichkeiten können nützlich sein, bis sich in Europa einheimische Parasitoide angepasst haben oder effektive natürliche Gegenspieler aus der bis jetzt unbekannten Heimatregion der Miniermotte eingeführt werden können (Heitland 2006). Die Verwendung chemischer Mittel wird sich wahrscheinlich in Zukunft nur auf einzelne besonders schützenswerte Bäume beschränken.

Für das Management von Neobiota in Sachsen beachten Sie auch die offiziellen Seiten des Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL): http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/34835.htm  insbesondere auch die Arbeitshilfen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/34838.htm  
Zentrales Medium für die Sammlung von Artdaten in der Naturschutzverwaltung des Freistaates Sachsen ist die Zentrale Artdatenbank beim LfULG: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/8048.htm
Aktuelle Übersichtskarten der Verbreitung von Arten in Sachsen können unter folgendem Link abgerufen werden: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/infosysteme/ida</p  

Weitere Informationen

Zentrale Artdatenbank Sachsen am LfULG sowie https://www.insekten-sachsen.de

Handlungsbedarf Neobiotamanagement

Handlungsbedarf Neobiotamanagement

Handlungsbedarf für ein Management in zahlreichen Einzelfällen vorhanden

Sonstiges


Literatur

Sachsen:
Nuss, M. & A. Stübner 2000: Aktuelle Daten zur Fauna der Lithocolletinae in Sachsen (Lep., Gracillariidae). – Entomologische Nachrichten und Berichte 44 (4), S. 225–228.
Schnee, H. 1999: Roßkastanienminiermotte - ein neuer Schädling in Sachsen. – Krankheiten und Schädlinge im öffentlichen Grün, Dresden (5).
Sobczyk, T. 2002: Roßkastanien- und Robinienminiermotte in der Westlausitz. – Veröffentlichungen des Museums der Westlausitz 24, S. 79–84.

Weiterführende Literatur:
Balder, H. (2002): Pflanzenschutz im Stadtgrün – Wohin führt der Weg?. – Gesunde Pflanzen 54 (7), S. 209-217.
Deschka, G., Dimic, N., (1986): Cameraria ohridella n. sp. aus Mazedonien, Jugoslavien (Lepidoptera, Lithocolletidae). Acta Entomologica Jugoslavica, 22, S. 11-23.
Freise, J.F. (2002): Untersuchungen zur Biologie und Ökologie der Roßkastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella DESCH. & DIM. 1986) (Lepidoptera, Gracillariidae). Diss. TU München http://www.europe-aliens.org/pdf/Cameraria_ohridella.pdf  
Grabenweger, G. (2001): Auswirkungen der Fallaubentfernung auf Cameraria ohridella Deschka & Dimic (Lepidoptera, Gracillariidae) und ihre Parasitoiden. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für allgemeine angewandte Entomologie. 13, S. 141-143.
Heitland, W. (2006): CONTROCAM – Control of Camaria. Nachrichtenblatt des Deutschen Pflanzenschutzdienstes 58 (10), Stuttgart, S. 251- 252.
Heitland, W. & J. F. Freise, (2003): Das EU-Projekt CONTROCAM (‘Control of Cameraria’). Nachrichtenblatt des Deutschen. Pflanzenschutzdienstes. 55 (10), S. 205–208.
Huemer, P. & W. Rabitsch (2002): Schmetterlinge (Lepidoptera). S. 354-362. In: Essl, F. & W. Rabitsch (2002): Neobiota in Österreich. Umweltbundesamt, Wien, 432 S.; http://homepage.univie.ac.at/wolfgang.rabitsch/DP089.pdf  
Koch, T., Balder, H., Grabenweger, G., Hopp, H.; Jäckel, B. & S. Schmolling (2006): Strategien zur Bekämpfung der Roßkastanienminiermotte (Cameraria ohridella) im urbanen Bereich. Bd. 15, S. 85-87.
Lohrer, T., Gerlach, W., Fischer, P., Fuchsbichler, G. & H.-M. Eichinger (2003): Untersuchungen zur Laub- und Kompostbelastung nach einer Bodenapplikation mit Imidacloprid zur Bekämpfung der Kastanienminiermotte Cameraria ohridella (Lepidoptera, Gracillariidae). Nachrichtenblatt des Deutschen Pflanzenschutzdienstes 55 (10), S. 240-241.

Links:
http://www.cameraria.de/ , abgerufen am 6.11.2015 (Ergebnisse des EU-Projektes CONTROCAM (2001-2004) http://www.lepiforum.de/lepiwiki.pl?Cameraria_Ohridella , abgerufen am 6.11.2015 (Bestimmungshilfe)
http://www.alt.nabu-sachsen.de/lv/jupgrade/index.phpoption=com_content&view=article&id=261:rosskastanienminiermotte&catid=47&Itemid=58 , abgerufen am 6.11.2015
https://www.insekten-sachsen.de/Pages/TaxonomyBrowser.aspx?Id=433542 , abgerufen am 6.11.2015
https://www.landwirtschaft.sachsen.de/landwirtschaft/4012.htm , abgerufen am 6.11.2015
http://www.leipzig.de/umwelt-und-verkehr/umwelt-und-naturschutz/baeume-und-baumschutz/baumschutz/kastanienminiermotte/ , abgerufen am 6.11.2015
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/pflanzenschutz/berlin_cam/de/publikationen.shtml , abgerufen am 6.11.2015
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/pflanzenschutz/merkblaetter/de/download/kastanienminiermotte.pdf

Bearbeitungsstand und Bearbeiter des Artensteckbriefes

Offizieller Artensteckbrief des LfULG; Stand: 06.11.2015 Erstbearbeitung: Dr. A. Mann, Überarbeitung: Jens Kipping (biocart), Uta Glinka (IVL)
Hinweise und Änderungsvorschläge bitte an: ulrich.zoephel@smul.sachsen.de  
Legende zum Artensteckbrief unter: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22872.htm ;
Informationen zur Artengruppe für Sachsen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22988.htm