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Larus michahellis J.F. Naumann, 1840 / Mittelmeermöwe (Sachsen)

Rechtlicher Schutz und Rote Liste


Artenschutzrechtlicher Schutzstatus:BG (besonders geschützt)
Rote Liste Deutschland:* (derzeit keine Gefährdung)
Rote Liste Sachsen:R (extrem selten)

Allgemeine Arteninformationen


Taxonomie

In den letzten Jahren wurde die taxonomische Gliederung der Silbermöwen-Gruppe (Formen hellmanteliger Großmöwen) grundlegend verändert. Zuerst wurde die Weißkopfmöwe (L. cachinnans) von der Silbermöwe (Larus argentatus) abgetrennt. Dann kam es zu einer weiteren Aufteilung der beiden ehemaligen Unterarten der Weißkopfmöwe in zwei eigenständigen Arten: die Mittelmeermöwe (L. michahellis) und die Steppenmöwe (L. cachinnans). Bei der Mittelmeermöwe werden zwei Unterarten unterschieden, in Süd- und Mitteleuropa brütet die Nominatform Larus michahellis michahellis (Naumann, 1840).

Kennzeichen

Die Mittelmeermöwe gehört zu den hellmanteligen Großmöwen, sie ist etwa bussardgroß. Die Art ähnelt stark der Silbermöwe und der Steppenmöwe. Eine Unterscheidung der Arten im Freiland ist sehr schwierig und nur bei guten Beobachtungsbedingungen möglich. Wie bei der Silbermöwe sind im Brutkleid Kopf, Hals, Brust, Bauch und Schwanz weiß, Rücken und Flügeloberseite hellgrau gefärbt. Die schwarzen Flügelspitzen haben weiße Flecken am Ende der Handschwingen. Im Flug fällt auf, dass der Schwarzanteil der Flügelspitzen bei der Mittelmeermöwe größer ist als bei der Silbermöwe. Der gelbe Schnabel adulter Mittelmeermöwen ist kräftiger als bei den beiden ähnlichen Arten und auch der rote Fleck am vorderen Unterschnabel ist groß und deutlich ausgebildet. Die Beine sind im Gegensatz zu den fleischfarbenen Beinen der Silbermöwe bei adulten Mittelmeermöwen ganzjährig gelb. Im Ruhekleid ist die Art vor allem um die Augen herum grau gestrichelt, ansonsten ist der Kopf weißer als bei den meisten Silbermöwen. Die Jungvögel sind bräunlich gefärbt und haben einen deutlich helleren Kopf als Silbermöwen-Jungvögel. Erst nach vier Lebensjahren sind die Jungvögel ausgefärbt. Die Geschlechter unterscheiden sich nicht in der Gefiederfärbung. Männchen sind jedoch etwas größer und kräftiger als Weibchen.

Biologie und Ökologie

Die Mittelmeermöwe ist Brutvogel an Küsten, Flussmündungen, Flussniederungen sowie an Seen und Teichen des Binnenlandes mit geschützten Stellen (z. B. Inseln) und auch an anthropogen geprägten Standorten (Häfen, Staustufen, Brücken, Gebäude). Das Nest, dass u. a. mit Moos und Pflanzenteilen ausgepolstert wird, befindet sich frei auf dem Boden oder an Strukturen (Bäume, Büsche) angelehnt sowie auf baumfreien (Kies-)Inseln, Nistflößen, Pfählen, Brückenpfeilern etc.. Es kommen Einzelbruten sowie artreine und gemischte Kolonien vor (mit Lach-, Silber- oder Steppenmöwen).
Die Mittelmeermöwe lebt zumeist in einer monogamen Saisonehe. Es wird eine Jahresbrut mit einer Gelegegröße von 2-3 Eiern durchgeführt. Bei Störungen oder Verlust der Brut kommt es regelmäßig zu Nachgelegen. Die Brutdauer beträgt 27-31 Tage. In einem Alter von etwa 5 Wochen sind die Jungvögel flügge und mit 6-8 Wochen selbstständig. Die Nahrung ist sehr vielseitig. In Mitteleuropa ernährt sich die Art wahrscheinlich wie die Silbermöwe (Fische und andere kleine Wassertiere, Mollusken, Kleinsäuger, Aas, Abfall, pflanzliche Nahrung, Eier- und Kükenraub, Abjagen von Beute).
Im Hauptverbreitungsgebiet ist die Art meist Standvogel. Teilweise wandert die Mittelmeermöwe südwärts bis Senegal, Gambia und zum Roten Meer und vor allem nach der Brutzeit auch nach Norden bis Südengland und Mitteleuropa. In Deutschland ist die Mittelmeermöwe (vor allem im Süden) Jahresvogel, z. T. aber auch Kurzstreckenzieher.

Überregionale Verbreitung

Die Brutverbreitung der Nominatform erstreckt sich vor allem entlang der Nordküsten des Mittelmeeres, nach Westen über die Atlantikküste der iberischen Halbinsel bis in die Bretagne und nach Osten bis zum westlichen Schwarzen Meer. Nach Norden reicht die Brutverbreitung bis zur Schweiz und ins deutsche Binnenland. Brutvögel in Nordafrika, auf den Kanaren und den Azoren gehören zur Unterart Larus michahellis atlantis (Dwight, 1922).
Der Bestand der Mittelmeermöwe in Deutschland nimmt zu (170-230 Brutpaare im Zeitraum 2005-2009). Die Ausbreitung geht vom Mittelmeer aus. Besiedelt sind derzeit vor allem die Flusstäler von Rhein, Donau, Isar und Inn, einige Voralpenseen sowie die Tagebauseen in der Leipziger Tieflandsbucht und in der Lausitz.

Erhaltungszustand


Erhaltungszustand

ungünstig-unzureichend

Jagd- und Fischereirecht


Jagdrecht, ohne Jagdzeit

Prüfung und Erfassung


Verantwortlichkeit (Sachsen)

Anteil Sachsen am deutschen Brutbestand: 7,3 %

Hinweise für Artenschutzprüfung

  • Vogelart mit hervorgehobener artenschutzrechtlicher Bedeutung
  • Einzelvorkommen als Bezug für die lokale Population bei artenschutzrechtlichen Prüfungen

Betrachtungsschwerpunkt Artenschutzprüfung

Brut- und Gastvogelaspekt

Untersuchungsstandards

Methodik, Wertungsgrenzen und Zeitraum der Brutvogelerfassung gemäß Südbeck et al. (2005)
Hinweise: In Deutschland brütet die Mittelmeermöwe meist einzeln oder in geringer Zahl in anderen Möwenkolonien (genaue Durchsicht von Silbermöwen-Kolonien erforderlich, Hybridisierung mit Silbermöwe möglich, auf Mischpaare achten). Auch Nichtbrüter halten sich an den Brutplätzen auf, daher ist der Brutbestand am besten durch Zählung der Nester zu erfassen (Abstimmung mit Naturschutzbehörden!). Bei Bruten ist die Nachweisbestätigung durch die Avifaunistische Kommission Sachsens notwendig.

Sonstige Arten-Attribute

  • Besonders störungsempfindlich (TK25-Viertelquadrant)
  • windkraftempfindlich
  • Brutvogelart des SPA-Fachkonzeptes (im weiteren Sinne, Tab. 3)
  • Wasservogelart des SPA-Fachkonzeptes (Tab. 4)
  • Vogelart des SPA-Monitorings (Brutvögel)

Mortalitäts-Gefährdungs-Index (MGI)

  • als Brutvogel: II.5 (hoch)
  • als Gastvogel: III.6 (mittel)

Naturschutzfachlicher Wert-Index (NWI)

  • als Brutvogel: 3 (mittel)
  • als Gastvogel: 4 (gering)

Populationsökologischer Sensitivitäts-Index (PSI)

  • als Brutvogel: 3 (hoch)
  • als Gastvogel: 3 (hoch)

Vorkommen


Status Etablierung

Indigene, Ureinheimische (Reproduktion)

Status Vögel

Brutvogel, Gastvogel

Bemerkung zum Status

seltener lokaler Brutvogel (Jahresvogel oder Sommervogel), Jahresgast

Nachweisabsicherung

Ja

Langfristiger Bestandstrend

deutliche Zunahme

Kurzfristiger Bestandstrend

deutliche Zunahme

Bestand

Brutbestand in Sachsen (nach Steffens et al. 2013):
1978-1982: 0 BP
1993-1996: (5-8 BP)(noch keine konsequente Differenzierung von Mittelmeer- und Steppenmöwe)
2004-2007: 10-20 BP

Vorkommenskarte

Vorkommenskarte

Naturraumkarte

Naturraumkarte

Phänologie


Phänogramm

Phänogramm

Erläuterung Phänologie

Die sächsischen Brutplätze werden im Februar/März besetzt. Die Eiablage beginnt Ende März/Anfang April. Flügge Junge werden frühestens Anfang Juni, häufig erst Ende Juni/Anfang Juli (bei späten Bruten erst im August/September) festgestellt. Nach der Brutzeit verbleiben Jung- und Altvögel teilweise noch mehrere Wochen im Brutgebiet und übernachten am Brutgewässer, mitunter werden die Brutgebiete aber auch gleich nach dem Flüggewerden der Jungen verlassen.
Ab Juli fliegen Mittelmeermöwen in großer Zahl in Sachsen ein. Im November/Dezember nimmt ihre Zahl infolge von Rückzugsbewegungen stark ab. Im Winter halten sich dann meist nur noch Einzelvögel im Gebiet auf (Steffens et al. 2013).

Lebensraum


Die Brutplätze in Sachsen liegen überwiegend an größeren Seen der ehemaligen Braunkohlentagebaue um Leipzig und in der Lausitz (an der Grenze zu Brandenburg). Tagebaue werden auch schon in der frühen Flutungsphase besiedelt. Die Mittelmeermöwe brütet vor allem auf vegetationslosen oder spärlich bewachsenen Inseln und Halbinseln. Zur Nahrungssuche werden Äcker (besonders frisch bearbeitete), kurzrasiges Grünland, Überschwemmungsbereiche, Schlammflächen, abgelassene Teiche, Mülldeponien und Abfallaufbereitungsanlagen aufgesucht. Größere Schlafplatzansammlungen treten im Sommer und Herbst vor allem auf größeren Tagebauseen und Staugewässern auf. Der Aktionsradius um Brutkolonie oder Schlafgewässer kann bei Nahrungsflügen bis über 20 km betragen.

Lebensräume nach Artenschutzrecht

Fortpflanzungsstätten:
Die Fortpflanzungsstätte ist die Brutkolonie. An den Brutplätzen ist die Art besonders störungsempfindlich.

Ruhestätten:
Als nächtliche Schlafplätze werden meist freie Wasserflächen von Seen (im Gebiet vor allem Tagebauseen) aufgesucht. Zu- und Abflug erfolgen auf bestimmten Routen. Bei starkem Wind und als Tagesruheplätze zur Zugzeit werden auch Sandbänke, flachen Inseln, Spülflächen und Flächen mit niedrigem Grasbewuchs als Ruhestätten genutzt. Häufig kommt es zur Vergesellschaftung mit anderen Möwenarten.

Habitatkomplexe

  • Äcker und Sonderkulturen
  • Bergbaubiotope
  • Fließgewässer, Quellen
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Habitatkomplexe Reproduktion

  • Bergbaubiotope
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Höhenstufen

  • collin
  • planar

Sonstiges


Literatur

Bernotat, D. & Dierschke, V. (2015): Übergeordnete Kriterien zur Bewertung der Mortalität wildlebender Tiere im Rahmen von Projekten und Eingriffen 2. Fassung - Stand 25.11.2015. (Studie als PDF-Datei)

Bezzel, E. (1985): Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Nonpasseriformes – Nichtsingvögel. AULA-Verlag, Wiesbaden.

Dürr, T. (2015a): Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland - Daten der zentrale Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, Stand 01.06.2015. Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) des Landes Brandenburg. (Excel-Tabelle 'Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland')

Dürr, T. (2015b): Vogelverluste an Windenergieanlagen / bird fatalities at windturbines in Europe - Daten der zentrale Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, Stand 01.06.2015. Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) des Landes Brandenburg. (Excel-Tabelle 'Vogelverluste an Windenergieanlagen in Europa')

Flade, M. (1994): Die Brutvogelgemeinschaften Mittel- und Norddeutschlands. IHW-Verlag, Eching.

Gedeon, K.; Grüneberg, C.; Mitschke, A.; Sudfeldt, C.; Eikhorst, W.; Fischer, S.; Flade, M.; Frick, S.; Geiersberger, I.; Koop, B.; Kramer, M.; Krüger, T.; Roth, N.; Ryslavy, T.; Stübing, S; Sudmann, S. R.; Steffens, R.; Vökler, F. & Witt, K. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Atlas of German Breeding Birds. Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.), Münster.

Gottschling, M. (2004): Ein schwieriger Fall: Mittelmeermöwe und Steppenmöwe. - Der Falke 51, 148-155.

Steffens, R.; Nachtigall, W.; Rau, S.; Trapp, H. & Ulbricht, J. (2013): Brutvögel in Sachsen. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden. (als PDF-Dateien unter Brutvögel in Sachsen, Seiten 1-247 sowie S. 248-436 bzw. S. 437-656)

Steffens, R.; Saemann, D. & Grössler, K. (Hrsg.) (1998): Die Vogelwelt Sachsens. Gustav Fischer Verlag, Jena.

Südbeck, P.; Andretzke, H.; Fischer, S.; Gedeon, K.; Schikore, T.; Schröder, K. & Sudfeldt, C. (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Radolfzell.

Südbeck, P.; Bauer, H.-G.; Boschert, M.; Boye, P. & Knief, W. (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands, 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Bearbeitungsstand und Bearbeiter des Artensteckbriefes

Offizieller Artensteckbrief des LfULG; Stand: 01.09.2016; Bearbeiter: Jörg Huth, Hans-Markus Oelerich (Halle); Hinweise und Änderungsvorschläge bitte an: Heiner.Blischke@smul.sachsen.de

Legende zum Artensteckbrief unter: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22872.htm; Informationen zur Artengruppe für Sachsen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/23211.htm