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Larus cachinnans Pallas, 1811 / Steppenmöwe (Sachsen)

Synonyme


Weißkopfmöwe

Rechtlicher Schutz und Rote Liste


Artenschutzrechtlicher Schutzstatus:BG (besonders geschützt)
Rote Liste Deutschland:R (extrem selten)
Rote Liste Sachsen:R (extrem selten)

Allgemeine Arteninformationen


Taxonomie

In den letzten Jahren wurde die taxonomische Gliederung der Silbermöwen-Gruppe (Formen hellmanteliger Großmöwen) grundlegend verändert. Zuerst wurde die Weißkopfmöwe (L. cachinnans) von der Silbermöwe (Larus argentatus) abgetrennt. Dann erfolgte eine weitere Aufteilung der beiden ehemaligen Unterarten der Weißkopfmöwe in zwei eigenständigen Arten: die Mittelmeermöwe (L. michahellis) und die Steppenmöwe (L. cachinnans). Nach derzeitigem Kenntnisstand werden der Steppenmöwe keine Unterarten zugeordnet.

Kennzeichen

Die Steppenmöwe gehört zu den hellmanteligen Großmöwen, sie ist etwa bussardgroß. Die Art ähnelt stark der Silbermöwe und der Mittelmeermöwe, die Steppenmöwe ist jedoch etwas schlanker, kleinköpfiger, hochbeiniger und langflügeliger als die Silbermöwe. Eine Unterscheidung der Arten im Freiland ist sehr schwierig und nur bei guten Beobachtungsbedingungen möglich. Kopf, Hals, Brust, Bauch und Schwanz sind im Brutkleid weiß, Rücken und Flügeloberseite hellgrau gefärbt (heller als bei der Mittelmeermöwe). Die schwarzen Flügelspitzen haben weiße Flecken am Ende der Handschwingen (im Gegensatz zur Mittelmeermöwe mit weniger Schwarz und mit hellen Zungen auf den äußersten Handschwingen). Der Schnabel ist gelb und hat einen roten Fleck. Er ist schlanker als bei den beiden ähnlichen Arten. Die Beine sind bei adulten Vögeln meist gelb (im Gegensatz zu den fleischfarbenen Beinen der Silbermöwe), die Färbung ist aber variabel. Im Ruhekleid ist der Kopf weißer als bei der Silbermöwe (und noch weniger gestrichelt als bei der Mittelmeermöwe). Jungvögel sind bräunlich und haben einen deutlich helleren Kopf als Silbermöwen-Jungvögel. Jungvögel sind erst nach vier Lebensjahren ausgefärbt. Die Geschlechter unterscheiden sich nicht in der Gefiederfärbung, Männchen sind jedoch etwas größer und kräftiger als Weibchen.

Biologie und Ökologie

Die Steppenmöwe ist Brutvogel auf felsigen oder sandigen Inseln an Küsten und in Seen des Binnenlandes (dort vor allem an Tagebaurestseen). Die Art brütet meist ebenerdig auf relativ vegetationsarmen offenen Flächen und bildet lockere Kolonien, häufig mit anderen Möwenarten. Das Nest besteht aus diversen Materialien (u. a. Gräser, Zweige, Muscheln, Federn). In saisonaler Monogamie kommt es bei der Steppenmöwe zu einer Jahresbrut (Nachgelege sind wahrscheinlich). Beide Partner bebrüten die meist 2-3 Eier über 27-31 Tage. Mit etwa 6 Wochen sind die Jungvögel flügge und mit ca. 8 Wochen selbstständig.
Die Nahrung ist sehr vielseitig. In Mitteleuropa ernährt sich die Art wahrscheinlich wie die Silbermöwe (Fische und andere kleine Wassertiere, Mollusken, Kleinsäuger, Aas, Abfall, pflanzliche Nahrung, Eier- und Kükenraub, Abjagen von Beute).
Die Steppenmöwe ist hauptsächlich Standvogel oder Teilzieher. In Deutschland gibt es regelmäßig Zuwanderung von Überwinterern aus südöstlichen Gebieten.

Überregionale Verbreitung

Die Hauptverbreitung der Steppenmöwe liegt an den Küsten des Schwarzen und Kaspischen Meeres und östlich bis zum Aralsee und nach Kirgistan. In den letzten Jahrzehnten kam es zur Ausbreitung nach Nordwesten bis Mitteleuropa, wo die Art in Polen aktuell die größten Bestände aufweist.
In Deutschland gibt es aktuell nur wenige Brutplätze kleiner Kolonien (gemischt mit Silber- und Mittelmeermöwen) an Tagebauseen im Süden Brandenburgs (grenzübergreifend zu Sachsen) sowie in der Leipziger Tieflandsbucht (Sachsen und Sachsen-Anhalt).

Erhaltungszustand


Erhaltungszustand

ungünstig-unzureichend

Jagd- und Fischereirecht


Jagdrecht, ohne Jagdzeit

Prüfung und Erfassung


Verantwortlichkeit (Sachsen)

Anteil Sachsen am deutschen Brutbestand: 27,5 %

Hinweise für Artenschutzprüfung

  • Vogelart mit hervorgehobener artenschutzrechtlicher Bedeutung
  • Einzelvorkommen als Bezug für die lokale Population bei artenschutzrechtlichen Prüfungen

Betrachtungsschwerpunkt Artenschutzprüfung

Brut- und Gastvogelaspekt

Untersuchungsstandards

Methodik, Wertungsgrenzen und Zeitraum der Brutvogelerfassung gemäß Südbeck et al. (2005)
Hinweise: In Deutschland brütet die Steppenmöwe meist einzeln oder in geringer Zahl in anderen Möwenkolonien (genaue Durchsicht von Silbermöwen-Kolonien erforderlich, Hybridisierung mit Silbermöwe und Mittelmeermöwe möglich, auf Mischpaare achten). Auch Nichtbrüter halten sich an den Brutplätzen auf, daher ist der Brutbestand am besten durch Zählung der Nester zu erfassen (Abstimmung mit Naturschutzbehörden!). Bei Bruten ist die Nachweisbestätigung durch die Avifaunistische Kommission Sachsens notwendig.

Sonstige Arten-Attribute

  • Besonders störungsempfindlich (TK25-Viertelquadrant)
  • windkraftempfindlich
  • Brutvogelart des SPA-Fachkonzeptes (im weiteren Sinne, Tab. 3)
  • Wasservogelart des SPA-Fachkonzeptes (Tab. 4)
  • Vogelart in den SPA-Standarddatenbögen (alt)
  • Vogelart des SPA-Monitorings (Brutvögel)

Mortalitäts-Gefährdungs-Index (MGI)

  • als Brutvogel: I.3 (sehr hoch)
  • als Gastvogel: III.6 (mittel)

Naturschutzfachlicher Wert-Index (NWI)

  • als Brutvogel: 2 (hoch)
  • als Gastvogel: 4 (gering)

Populationsökologischer Sensitivitäts-Index (PSI)

  • als Brutvogel: 2 (sehr hoch)
  • als Gastvogel: 3 (hoch)

Vorkommen


Status Etablierung

Indigene, Ureinheimische (Reproduktion)

Status Vögel

Brutvogel, Gastvogel

Bemerkung zum Status

seltener lokaler Brutvogel (Jahresvogel oder Sommervogel), Jahresgast

Nachweisabsicherung

Ja

Langfristiger Bestandstrend

deutliche Zunahme

Kurzfristiger Bestandstrend

deutliche Zunahme

Bestand

Brutbestand in Sachsen (nach Steffens et al. 2013):
1978-1982: 0 BP
1993-1996: (5-8 BP)(noch keine konsequente Differenzierung von Mittelmeer- und Steppenmöwe)
2004-2007: 6-10 BP

Vorkommenskarte

Vorkommenskarte

Naturraumkarte

Naturraumkarte

Phänologie


Phänogramm

Phänogramm

Erläuterung Phänologie

Die sächsischen Brutplätze werden im Februar/März besetzt. Die Eiablage beginnt Ende März/Anfang April. Flügge Junge werden frühestens Anfang Juni, häufig erst Ende Juni/Anfang Juli festgestellt. Steppenmöwen beginnen ihre Brut tendenziell etwas früher als Silber- und Mittelmeermöwe. Nach der Brutzeit verbleiben Jung- und Altvögel teilweise noch mehrere Wochen im Brutgebiet und übernachten am Brutgewässer, mitunter werden die Brutgebiete aber auch gleich nach dem Flüggewerden der Jungen verlassen.
Die Steppenmöwe ist in Sachsen ganzjährig anzutreffen. Die Zugzeiten sind schwer abgrenzbar. Ab Juli fliegen Steppenmöwen in großer Zahl in Sachsen ein. Zunehmend überwintert die Art. Silber- und Steppenmöwen dominieren im Winter die sächsischen Großmöwen-Rastbestände. Seit mehreren Jahren nehmen im sächsischen Tiefland aber auch die Bestände übersommernder, (noch) nicht brütender Großmöwen zu (Steffens et al. 2013).

Lebensraum


Die Brutplätze in Sachsen liegen überwiegend an größeren Seen der ehemaligen Braunkohlentagebaue um Leipzig und in der Lausitz (an der Grenze zu Brandenburg). Tagebaue werden auch schon in der frühen Flutungsphase besiedelt. Die Steppenmöwe brütet vor allem auf vegetationslosen oder spärlich bewachsenen Inseln und Halbinseln. Die Bodennester sind meist freistehend, werden aber auch unter Büschen und Pioniergehölzen angelegt. Zur Nahrungssuche werden Äcker (besonders frisch bearbeitete), kurzrasiges Grünland, Überschwemmungsbereiche, Schlammflächen, abgelassene Teiche, Mülldeponien und Abfallaufbereitungsanlagen aufgesucht. Größere Schlafplatzansammlungen treten vom Sommer bis zum Winter vor allem auf größeren Tagebauseen und Staugewässern auf. Der Aktionsradius um Brutkolonie oder Schlafgewässer kann bei Nahrungsflügen bis über 20 km betragen.

Lebensräume nach Artenschutzrecht

Fortpflanzungsstätten:
Die Fortpflanzungsstätte ist die Brutkolonie. An den Brutplätzen ist die Art besonders störungsempfindlich.

Ruhestätten:
Als nächtliche Schlafplätze werden meist freie Wasserflächen von Seen (im Gebiet vor allem Tagebauseen) aufgesucht. Zu- und Abflug erfolgen auf bestimmten Routen. Bei starkem Wind und als Tagesruheplätze zur Zugzeit werden auch Sandbänke, flachen Inseln, Spülflächen und Flächen mit niedrigem Grasbewuchs als Ruhestätten genutzt. Häufig kommt es zur Vergesellschaftung mit anderen Möwenarten.

Habitatkomplexe

  • Äcker und Sonderkulturen
  • Bergbaubiotope
  • Fließgewässer, Quellen
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Habitatkomplexe Reproduktion

  • Bergbaubiotope
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Höhenstufen

  • planar

Sonstiges


Literatur

Bernotat, D. & Dierschke, V. (2015): Übergeordnete Kriterien zur Bewertung der Mortalität wildlebender Tiere im Rahmen von Projekten und Eingriffen 2. Fassung - Stand 25.11.2015. (Studie als PDF-Datei)

Bezzel, E. (1985): Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Nonpasseriformes – Nichtsingvögel. AULA-Verlag, Wiesbaden.

Dürr, T. (2015a): Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland - Daten der zentrale Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, Stand 01.06.2015. Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) des Landes Brandenburg. (Excel-Tabelle 'Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland')

Dürr, T. (2015b): Vogelverluste an Windenergieanlagen / bird fatalities at windturbines in Europe - Daten der zentrale Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, Stand 01.06.2015. Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) des Landes Brandenburg. (Excel-Tabelle 'Vogelverluste an Windenergieanlagen in Europa')

Flade, M. (1994): Die Brutvogelgemeinschaften Mittel- und Norddeutschlands. IHW-Verlag, Eching.

Gedeon, K.; Grüneberg, C.; Mitschke, A.; Sudfeldt, C.; Eikhorst, W.; Fischer, S.; Flade, M.; Frick, S.; Geiersberger, I.; Koop, B.; Kramer, M.; Krüger, T.; Roth, N.; Ryslavy, T.; Stübing, S; Sudmann, S. R.; Steffens, R.; Vökler, F. & Witt, K. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Atlas of German Breeding Birds. Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.), Münster.

Gottschling, M. (2004): Ein schwieriger Fall: Mittelmeermöwe und Steppenmöwe. - Der Falke 51, 148-155.

Steffens, R.; Nachtigall, W.; Rau, S.; Trapp, H. & Ulbricht, J. (2013): Brutvögel in Sachsen. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden. (als PDF-Dateien unter Brutvögel in Sachsen, Seiten 1-247 sowie S. 248-436 bzw. S. 437-656)

Steffens, R.; Saemann, D. & Grössler, K. (Hrsg.) (1998): Die Vogelwelt Sachsens. Gustav Fischer Verlag, Jena.

Südbeck, P.; Andretzke, H.; Fischer, S.; Gedeon, K.; Schikore, T.; Schröder, K. & Sudfeldt, C. (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Radolfzell.

Südbeck, P.; Bauer, H.-G.; Boschert, M.; Boye, P. & Knief, W. (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands, 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Bearbeitungsstand und Bearbeiter des Artensteckbriefes

Offizieller Artensteckbrief des LfULG; Stand: 01.09.2016; Bearbeiter: Jörg Huth, Hans-Markus Oelerich (Halle); Hinweise und Änderungsvorschläge bitte an: Heiner.Blischke@smul.sachsen.de

Legende zum Artensteckbrief unter: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22872.htm; Informationen zur Artengruppe für Sachsen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/23211.htm