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Sternula albifrons Pallas, 1764 / Zwergseeschwalbe (Sachsen)

Synonyme


Sterna albifrons

Rechtlicher Schutz und Rote Liste


Artenschutzrechtlicher Schutzstatus:SG (streng geschützt)
Vogelschutzrichtlinie Schutzstatus:VRL-Anh.I (Art des Anhang I der Vogelschutzrichtlinie)
Rote Liste Deutschland:1 ((akut) vom Aussterben bedroht)
Rote Liste Sachsen:0 (ausgestorben/ausgerottet bzw. verschollen, vernichtet)

Allgemeine Arteninformationen


Taxonomie

3 Unterarten werden unterschieden, in Europa Sternula albifrons albifrons vorkommend

Kennzeichen

Die Zwergseeschwalbe ist die kleinste Seeschwalbe in Mitteleuropa und etwas größer als ein Mauersegler. Oberseite und Flügel des Brutkleides sind hellgrau gefärbt. Die langen schmalen Flügel haben eine schmale schwarze Handflügelvorderkante. Am Kopf wird der weiße Stirnfleck von einem schwarzen Zügel und einer schwarzen Kopfplatte begrenzt. Der lange gelbe Schnabel hat eine schwarzer Spitze. Die Unterseite und der gegabelte Schwanz sind weiß. Im Ruhekleid ist der Schnabel schwarz gefärbt und der weiße Stirnfleck bis zum Scheitel ausgedehnt. Im Jugendkleid hat die Zwergseeschwalbe einen bräunlichen Vorderscheitel, die Gefiederoberseite ist dunkel geschuppt und die Flügelvorderkante ist oberseits dunkel. Der Schnabel ist schwärzlich und die Beine sind gelbbraun. Verwechslungsmöglichkeit besteht mit der Flussseeschwalbe (Ruhekleid) und der Brandseeschwalbe (Jugendkleid), beide Arten sind aber deutlich größer.

Biologie und Ökologie

Die Zwergseeschwalbe brütet auf vegetationsarmen Flächen an der Küste (Primärdünen, Neulandaufspülungen, Nehrungen, Strandwälle, Sände u. a.) und selten auch im Binnenland (auf Sand- und Kiesbänken bzw. -inseln an Fließgewässern, Abbaugewässern und Teichen sowie auf Schlamminseln in Überflutungsflächen). Zur Nahrungssuche werden küstennahe Flachwasserbereiche, Gräben, langsam fließende Flüsse und flache Stillgewässern aufgesucht. Die Art ernährt sich überwiegend von Kleinfischen, die sie nach Rüttelflug stoßtauchend erbeutet. An der Küste werden zudem kleine Krustentiere und im Binnenland auch Insekten gefressen.
Die Zwergseeschwalbe ist Bodenbrüter und führt eine Jahresbrut durch. Das Vollgelege enthält (1)2-3 Eier, die 20-22 Tage bebrütet werden. Die Dunenjungen werden nach dem Schlupf häufig vom deckungslosen Nest weggeführt. Mit 28 Tagen sind die Jungvögel flügge.
Die Art ist ein Langstreckenzieher und überwintert an den Küsten des tropischen Afrikas. Europäische Brutvögel überwintern zwischen Senegal und Ghana.

Überregionale Verbreitung

Die Zwergseeschwalbe ist weit verbreitet. Sie besiedelt vor allem Küstenregionen Europas, Nord- und Westafrikas, Ost- und Südostasiens sowie Australiens. Im Binnenland kommt sie vom Baltikum bis Zentralasien und im Süden bis zum Schwarzen und Kaspischen Meer vor. Von dort reichen Teilareale bis zum Persischen Golf und nach Nordindien. In West-, Mittel- und Südeuropa sind die Vorkommen stark verinselt. Die nördlichsten Vorkommen liegen am Bottnischen Meerbusen der Ostsee.
In Deutschland brüten mehr als zwei Drittel des Landesbestandes von 600-650 Brutpaaren (2005-2009) an der Nordseeküste und hier vor allem auf den Inseln. Überwiegend kleinere Kolonien befinden sich an der Ostseeküste von Schleswig Holstein über Wismarbucht und Darß bis zur Insel Hiddensee. Binnenlandbrutplätze sind die Ausnahme. Neben einzelnen oder wenigen Bruten an der Unterelbe bei Hamburg und an der Mittleren Oder entstand in einer Kiesgrube an der Elbe bei Mühlberg (Südbrandenburg) ein kleine Kolonie (2006 2-3 Brutpaare, Anstieg bis 2009 auf 8 Brutpaare) in Vergesellschaftung mit Flussseeschwalben (Gedeon et al. 2014).

Erhaltungszustand


Erhaltungszustand

nicht bewertet

Prüfung und Erfassung


Verantwortlichkeit (Sachsen)

Anteil Sachsen am deutschen Brutbestand: nicht ermittelt

Hinweise für Artenschutzprüfung

  • Vogelart mit hervorgehobener artenschutzrechtlicher Bedeutung
  • Einzelvorkommen als Bezug für die lokale Population bei artenschutzrechtlichen Prüfungen

Betrachtungsschwerpunkt Artenschutzprüfung

Brutvogelaspekt

Untersuchungsstandards

Methodik, Wertungsgrenzen und Zeitraum der Brutvogelerfassung gemäß Südbeck et al. (2005)

Sonstige Arten-Attribute

  • Besonders störungsempfindlich (TK25-Viertelquadrant)
  • Brutvogelart des SPA-Fachkonzeptes (im engeren Sinne, Tab. 1+2)
  • Triggerart (Vögel) - Brut
  • Triggerart (Vögel) - Durchzug
  • Vogelart in den SPA-Standarddatenbögen (alt)
  • Brutvogelart in den SPA-Standarddatenbögen (neu) - Fortpflanzung
  • Vogelart des SPA-Monitorings (Brutvögel)

Mortalitäts-Gefährdungs-Index (MGI)

  • als Brutvogel: I.3 (sehr hoch)
  • als Gastvogel: II.4 (hoch)

Naturschutzfachlicher Wert-Index (NWI)

  • als Brutvogel: 1 (sehr hoch)
  • als Gastvogel: 3 (mittel)

Populationsökologischer Sensitivitäts-Index (PSI)

  • als Gastvogel: 2 (sehr hoch)
  • als Brutvogel: 3 (hoch)

Vorkommen


Status Etablierung

Unbeständige, Vermehrungsgäste

Status Vögel

Brutvogel

Bemerkung zum Status

sporadischer seltener Brutvogel (Sommervogel), Durchzügler

Nachweisabsicherung

Nein

Langfristiger Bestandstrend

starker Rückgang

Kurzfristiger Bestandstrend

gleichbleibend

Bestand

Brutbestand in Sachsen:
2001 Brutverdacht und 2003 erfolgreiche Brut an den Ratzener Teichen bei Lohsa (südöstlich Hoyerswerda),
2004 und 2005 Brutzeitbeobachtungen ebenda (Steffens et al. 2013);
2008 zwei Paare Nahrungsgast an der Kiesgrube Liebersee im Riesa-Torgauer Elbtal, 2010 dort zwei Brutpaare (D. Selter), Vorkommen steht im Zusammenhang mit der benachbarten Brutkolonie an einer Kiesgrube bei Mühlberg (Südbrandenburg) mit bis zu 8 Brutpaaren im Jahr 2009 (Gedeon et al. 2014);
2013 zwei nestbauende Paare in der Kiesgrube Löbnitz westlich von Bad Düben (J. Huth)

Vorkommenskarte

Vorkommenskarte

Naturraumkarte

Naturraumkarte

Phänologie


Phänogramm

Phänogramm

Erläuterung Phänologie

In Sachsen kommt es zu Durchzug und Sommeraufenthalten von Mai bis Oktober/November mit Schwerpunkt im Juli und September (Steffens et al. 1998, 2013).

Lebensraum


Bis Anfang des 20. Jahrhunderts brütete die Zwergseeschwalbe in Sachsen auf Sand- und Kiesbänken der Flüsse (Elbe, Mulde). Die erfolgreiche Brut an den Ratzener Teichen im Jahr 2003 fand auf einer Sand-/Schlickinsel inmitten eines Teiches statt. Ab 2006 entstand eine kleine Brutkolonie an einem Kiessee bei Mühlberg im Riesa-Torgauer Elbtal wenig außerhalb der sächsischen Grenze. Ab 2008 wurden Zwergseeschwalben auch auf sächsischer Seite an der Kiesgrube Liebersee beobachtet, wo 2010 erstmalig zwei Paare brüteten (D. Selter). Flache Sandspülinseln in Kies- und Sandabbaugewässern in den früheren Vorkommensgebieten entlang von Elbe und Mulde scheinen aktuell bevorzugte Bruthabitate zu sein. Dies bestätigt auch die Beobachtung von zwei nestbauenden Paaren auf einer Sandspülinsel in der Kiesgrube Löbnitz nahe der Mulde im Jahr 2013 (J. Huth). Die Zwergseeschwalben im Raum Mühlberg fischen sowohl in der Elbe als auch in den Kiesseen im Umkreis von mehreren Kilometern um die Brutplätze. Potenziell sind auch die Kiesheger an der Vereinigten Mulde strukturell geeignete Bruthabitate, hier ist aber der Einfluss von Störungen und Prädatoren größer als auf den Inseln der Kiesgruben. Auch Durchzügler werden vor allem an Gewässern mit Kiesufern beobachtet (z. B. Talsperren und Abbaurestgewässer).

Lebensräume nach Artenschutzrecht

Fortpflanzungsstätten:
Fortpflanzungsstätte ist die Brutkolonie bzw. bei Einzelbruten der Brutplatz. In jedem Falle sollte die gesamte brutrelevante Struktur als Fortpflanzungstätte betrachtet werden (z. B. Insel, Kiesbank).

Ruhestätten:
Ruhestätten liegen zur Brutzeit in oder nahe der Brutkolonie. Zwergseeschwalben schlafen fast ausschließlich auf blankem Sandboden. Nichtbrüter übernachten gesellig im Brutgebiet, etwas abseits der eigentlichen Nistzone, bis zu 50 m vom Wasser entfernt. Tiere, die keine Reviere besetzen, streichen weite Strecken umher und finden sich abends zum gemeinsamen Übernachten zusammen (Stiefel 1979).

Habitatkomplexe

  • Bergbaubiotope
  • Fließgewässer, Quellen
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Habitatkomplexe Reproduktion

  • Bergbaubiotope
  • Fließgewässer, Quellen
  • Stillgewässer inkl. Ufer

Höhenstufen

  • planar

Sonstiges


Literatur

Bauer, H.-G.; Bezzel, E. & Fiedler, W. (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 1: Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel, 2. Aufl., Wiebelsheim.

Bernotat, D. & Dierschke, V. (2015): Übergeordnete Kriterien zur Bewertung der Mortalität wildlebender Tiere im Rahmen von Projekten und Eingriffen 2. Fassung - Stand 25.11.2015. (Studie als PDF-Datei)

Boschert, M. (2005): Vorkommen und Bestandsentwicklung seltener Brutvogelarten in Deutschland 1997 bis 2003. Vogelwelt 126: 1-51.

Gedeon, K.; Grüneberg, C.; Mitschke, A.; Sudfeldt, C.; Eikhorst, W.; Fischer, S.; Flade, M.; Frick, S.; Geiersberger, I.; Koop, B.; Kramer, M.; Krüger, T.; Roth, N.; Ryslavy, T.; Stübing, S; Sudmann, S. R.; Steffens, R.; Vökler, F. & Witt, K. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Atlas of German Breeding Birds. Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.), Münster.

Glutz von Blotzheim, U. N. & Bauer, K. M. (1999): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. - Bd. 8/II Charadriiformes (3. Teil)., 2. Aufl. Wiesbaden.

Hagemeijer, W. J. M. & Blair, M. J. (eds.) (1997): The EBCC Atlas of European Breeding Birds: Their distribution and abundance. London.

Krüger, S. (2003): Brut der Zwergseeschwalbe Sterna albifrons an den Ratzener Teichen/Kreis Kamenz/Sachsen 2003. Ornithol. Mitt. 55: 394-395.

Steffens, R.; Nachtigall, W.; Rau, S.; Trapp, H. & Ulbricht, J. (2013): Brutvögel in Sachsen. Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden. (als PDF-Dateien unter Brutvögel in Sachsen, Seiten 1-247 sowie S. 248-436 bzw. S. 437-656)

Steffens, R.; Saemann, D. & Grössler, K. (Hrsg.) (1998): Die Vogelwelt Sachsens. Gustav Fischer Verlag, Jena.

Südbeck, P.; Andretzke, H.; Fischer, S.; Gedeon, K.; Schikore, T.; Schröder, K. & Sudfeldt, C. (Hrsg.) (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Radolfzell.

Südbeck, P.; Bauer, H.-G.; Boschert, M.; Boye, P. & Knief, W. (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands, 4. Fassung, 30. November 2007. Ber. Vogelschutz 44: 23-81.

Bearbeitungsstand und Bearbeiter des Artensteckbriefes

Offizieller Artensteckbrief des LfULG; Stand: 01.09.2016; Bearbeiter: Jörg Huth, Hans-Markus Oelerich (Halle), Dr. Matthias Weber (Heidenau); Hinweise und Änderungsvorschläge bitte an: Heiner.Blischke@smul.sachsen.de

Legende zum Artensteckbrief unter: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22872.htm; Informationen zur Artengruppe für Sachsen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/23211.htm