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Galerida cristata (Linnaeus, 1758) / Haubenlerche (Sachsen)

Rechtlicher Schutz und Rote Liste


Artenschutzrechtlicher Schutzstatus:SG (streng geschützt)
Rote Liste Deutschland:1 ((akut) vom Aussterben bedroht)
Rote Liste Sachsen:1 ((akut) vom Aussterben bedroht)

Allgemeine Arteninformationen


Taxonomie

Gegenwärtig werden mehr als 30 Unterarten der Haubenlerche getrennt, deren Status teilweise umstritten ist. In Deutschland kommt die Nominatform Galerida c. cristata vor, deren Areal vom südlichen Skandinavien (heute in Schweden und Norwegen ausgestorben) bis NW-Spanien, NO-Italien, NW-Ungarn und in die nördliche Ukraine reicht.

Kennzeichen

Die Haubenlerche ist ein knapp starengroßer, kompakt gebauter Singvogel mit überwiegend graubraun gezeichnetem Gefieder. Die Oberseite wirkt staubig sandbraun, die Unterseite ist weißlich mit dunkler, unterschiedlich stark ausgeprägter Strichelung an Brust und Flanken. Kennzeichnend ist die spitze Haube, die im angelegten Zustand deutlich am Kopf übersteht. Die etwas kleinere Feldlerche hat nur eine kleine Haube, die im angelegten Zustand nicht mehr sichtbar ist.

Der häufigste Ruf ist eine Kombination aus mehreren, teilweise gedehnten und wehmütig klingenden Pfeiftönen. Im Siedlungsraum zu beobachtende, wenig scheue Lerchen sind meist Haubenlerchen.

Biologie und Ökologie

Die Haubenlerche ist in Mitteleuropa eng an menschliche Siedlungen gebunden und besiedelt überwiegend ruderale Offenflächen in Ortslagen, die Umgebung von landwirtschaftlichen Betrieben, Industrie-, Gewerbe- und Militärstandorten. Die spärliche Vegetation der Brutgebiete sollte eine Deckung von ca. 50 % nicht überschreiten, um eine schnelle Erwärmung des Bodens zu gewährleisten und die Fortbewegung und Nahrungssuche der Tiere nicht zu behindern.

Die Art ist in Mitteleuropa Standvogel, kann aber im Winter kleinräumig verstreichen. Bei hinreichendem Nahrungsangebot überwintern viele Vögel im Brutgebiet. Die Besetzung der Brutgebiete und Paarbildung erfolgen meist im März.

Das Nest wird in niedriger Vegetation am Boden angelegt und ist meist nur wenig sichtgeschützt. Es überwiegt eine saisonale Monogamie. Haubenlerchen haben meist 2, seltener 3 Jahresbruten mit je 3-5 Eiern. Die Brutdauer beträgt 12-14 Tage, die Jungen verlassen mit etwas 9-11 Tagen noch nicht flugfähig das Nest und werden etwa bis zum 20. Lebenstag gefüttert.

Das Ausbreitungsvermögen wird durch die geringe Mobilität der Individuen eingeschränkt, Neuansiedlungen abseits der bekannten Brutvorkommen wurden aber wiederholt beobachtet. Infolge des starken Rückgangs geeigneter Lebensräume sind Brutvorkommen mit einzelnen oder wenigen Brutpaaren zwar häufig zu beobachten, Angaben zu minimalen Größen langfristig überlebensfähiger Populationen fehlen aber.

Überregionale Verbreitung

Das lückige Areal erstreckt sich über große Teile Süd- und Mitteleuropas, Afrikas bis südlich der Sahara, den Nahen und Mittleren Osten bis Korea und ans Gelbe Meer. In Europa seit Mitte des 20. Jahrhunderts starke Bestandsrückgänge mit Arealverlusten, die u.a. zum Aussterben in Großbritannien, Norwegen, Schweden, Lettland, der Schweiz und Luxemburg führten. Vom Rückgang ist besonders die Nominatform betroffen, an deren Areal Deutschland einen erhöhten Anteil besitzt.

Erhaltungszustand


Erhaltungszustand

ungünstig-schlecht

Hinweise Erhaltungszustand

Die gutachterliche Einstufung erfolgt aufgrund des lang- und kurzfristig stark negativen Bestandstrends, der in Sachsen zu einer Einstufung in die Kategorie „Vom Aussterben bedroht“ (Steffens et al. 2013) führte.

Prüfung und Erfassung


Verantwortlichkeit (Sachsen)

Anteil Sachsen am deutschen Brutbestand: 4,5 %

Hinweise für Artenschutzprüfung

  • Vogelart mit hervorgehobener artenschutzrechtlicher Bedeutung
  • Einzelvorkommen als Bezug für die lokale Population bei artenschutzrechtlichen Prüfungen

Betrachtungsschwerpunkt Artenschutzprüfung

Jahresvogelaspekt

Untersuchungsstandards

Methodik, Wertungsgrenzen und Zeitraum der Brutvogelerfassung gemäß Südbeck et al. (2005).

Kartierung von Revier anzeigendem Verhalten (Gesang, Balz, Tragen von Nistmaterial, Futter oder Kot) im Zeitraum Mitte März bis Anfang Juni. Die Erfassung sollte möglichst in den Morgenstunden erfolgen. Brutnachweise gelingen am leichtesten durch die Beobachtung fütternder Altvögel. Die Haubenlerchen verhalten sich meist sehr unauffällig und zeigen wenig Scheu vor Passanten und Verkehr und sind dadurch leicht zu übersehen.

Sonstige Arten-Attribute

  • Vogelart in den SPA-Standarddatenbögen (alt)
  • Brutvogelart in den SPA-Standarddatenbögen (neu) - Fortpflanzung
  • Vogelart des SPA-Monitorings (Brutvögel)

Vorkommen


Status Etablierung

Indigene, Ureinheimische (Reproduktion)

Status Vögel

Brutvogel

Nachweisabsicherung

Nein

Langfristiger Bestandstrend

Rückgang, Ausmaß unbekannt

Kurzfristiger Bestandstrend

starke Abnahme

Bestand

Seit dem Zeitraum 2004-2007 kam es offensichtlich zu einer weiteren dramatischen Verkleinerung des Verbreitungsgebietes in Sachsen. Die seit 2010 bekannt gewordenen Funde deuten nur noch in Teilen Nordwestsachsens (Düben-Dahlener Heide, Elbe-Elster-Niederung, Teile des Leipziger Landes) auf eine zumindest teilweise zusammenhängende Besiedlung. Auch wenn die aktuellen Ergebnisse nicht auf einer systematischen Kartierung beruhen und Einzelfunde aus anderen Teilen Sachsens die Hoffnung auf verbliebene Restvorkommen stärken, hat die Haubenlerche den größten Teil ihres früheren sächsischen Verbreitungsgebietes inzwischen vollständig geräumt.

Brutbestand in Sachsen (nach Steffens et al. 2013):

1978-1982: 650-1.300 BP

1993-1996: 500-800 BP

2004-2007: 150-300 BP

Vorkommenskarte

Vorkommenskarte

Naturraumkarte

Naturraumkarte

Phänologie


Phänogramm

Phänogramm

Lebensraum


Fortpflanzungsstätten:

Offenlandstandorte mit trockenen, sich schnell erwärmenden Böden und spärlicher Vegetation. Die überwiegende Mehrzahl der sächsischen Brutplätze befindet sich in unmittelbarer Nähe zu menschlichen Siedlungen bzw. Landwirtschafts-, Industrie-, Gewerbe- oder Militärstandorten. Brutplätze in Bergbaufolgelandschaften, in Heidelandschaften und auf Truppenübungsplätzen waren und sind Ausnahmen. Gelegentlich werden trockene Äcker und Weiden in unmittelbarer Siedlungsnähe besiedelt. Die Nester werden am Boden angelegt, oft wenig gedeckt.

Da die Nahrung zur Brutzeit im direkten Nestumfeld gesucht wird, diese Flächen daher essentiell für die Fortpflanzung sind, ist das gesamte Brutrevier als Fortpflanzungsstätte aufzufassen.

Ruhestätten:

Identisch mit den Fortpflanzungsstätten, Haubenlerchen nächtigen an geschützten Stellen am Boden.

Hinweise auf Abgrenzung von Populationen:

Betrachtungsmaßstab unterhalb der Ebene Landkreis, in der Regel Ortslage oder Stadtteil.

Habitatkomplexe

  • Äcker und Sonderkulturen
  • Gebäude, Siedlungen
  • Grünland, Grünanlagen
  • Ruderalfluren, Brachen

Habitatkomplexe Reproduktion

  • Äcker und Sonderkulturen
  • Gebäude, Siedlungen
  • Grünland, Grünanlagen
  • Ruderalfluren, Brachen

Ökologische Charakterisierung

  • Offene Landschaft besonderer Struktur
  • Siedlungsgebiete, Städte

Höhenstufen

  • collin
  • montan
  • planar

Management


Beurteilung

Die Haubenlerche zeigt in Sachsen seit den 1970er Jahren einen anhaltend negativen Bestandstrend (Steffens et al. 2013), den auch die überwiegend milden Winter und trockenwarmen Frühjahre der letzten Jahre nicht bremsen konnten. Unter Berücksichtigung der ebenfalls stark negativen Bestandsentwicklung in anderen Teilen Deutschlands (Gedeon et al. 2014) muss ohne gezielte Schutzmaßnahmen mit einem vollständigen Erlöschen der sächsischen Populationen in den nächsten 10-20 Jahren gerechnet werden. Die Erarbeitung eines sächsischen Artenschutzprogramms erscheint dringend erforderlich. Auch wenn die Art in Sachsen wie in ganz Deutschland eine hohe Bindung an anthropogene Lebensräume zeigt und durch die menschliche Besiedlung gefördert wurde, befindet sich die überwiegend in Mitteleuropa heimische Nominatform in einem gesamteuropäisch schlechten Erhaltungszustand. Die überwiegend enge Bindung an Siedlungsbereiche und die im Allgemeinen geringe Siedlungsdichte erschweren Schutzmaßnahmen zusätzlich.   

Handlungsbedarf aus Landessicht

  • Landesprioritäres Natura 2000-Schutzgut

Management

Schutzmaßnahmen bedürfen einer zumindest regionalen Planung und Koordination, um einer weiteren Fragmentierung der Population entgegenzuwirken. Die enge Bindung an Sonderflächen im Siedlungsbereich wird „unkonventionelle“ Konzepte erfordern, die auch nur zeitweilig zur Verfügung stehende, vegetationsarme Brachflächen in die Schutzmaßnahmen einbeziehen. Da die Haubenlerche in den letzten Jahren auch Brutgebiete in scheinbar noch geeigneten Lebensräumen aufgegeben hat, ist eine Gefährdungsursachenanalyse insbesondere hinsichtlich Nahrungsangebot, Prädation (Katzen und Hunde) und minimal überlebensfähigen Populationen unverzichtbar.

Wichtigste Maßnahme besteht in einem Erhalt der verbliebenen Lebensräume im Umfeld von landwirtschaftlichen Anlagen, auf Brachen und in Freiflächen der Siedlungen durch Verzicht auf Versieglung, künstliche Begrünung, Düngung sowie Herbizid- und Pestizideinsatz. Möglichkeiten zur Neuschaffung bzw. Wiederherstellung von Lebensräumen bestehen im Randbereich von Landwirtschafts-, Industrie- und Gewerbeflächen durch flächenhafte Gestaltung spärlich bewachsener Abstandsflächen ohne künstliche Begrünung. Durch eine geschlossene Zäunung von Teilbereichen können Nistplätze mit geringer Gefährdung durch Prädation geschaffen werden. Inwieweit dies auch durch Förderung einer lockeren Dachbegrünung großer Flachdächer möglich ist, bedarf gezielter Untersuchungen.

Zentrales Medium für die Sammlung von Artdaten in der Naturschutzverwaltung des Freistaates Sachsen ist die Zentrale Artdatenbank beim LfULG: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/8048.htm;

Aktuelle Übersichtskarten der Verbreitung von Arten in Sachsen können unter folgendem Link abgerufen werden: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/infosysteme/ida

Gefährdungen


Wesentliche Gefährdungsursachen sind:

Anhaltende Lebensraumverluste durch:

  • Verlust von siedlungsnahen Offenflächen und Brachen durch Bebauung und Siedlungsverdichtung
  • „Gestaltung“ offener Flächen im Innenbereich durch Versieglung und künstliche Begrünung (Rasen, Gehölze etc.)
  • objektnahe Pflanzung von Gehölzen in Industrie- und Gewerbegebieten im Rahmen von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
  • künstliche Aufdüngung und Begrünung von Siedlungs- und Industriebrachen bei der Sanierung
  • Verlust von Ruderalstandorten im ländlichen Bereich (als Nahrungsgebiete im Winter genutzt)

sowie erhöhte Gefährdung durch Prädation im Siedlungsbereich

Sonstiges


Literatur

Bauer, H.-G., Bezzel, E. & Fiedler, W. (Hrsg.) (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 2: Passeriformes – Sperlingsvögel. – AULA-Verlag Wiebelsheim: 622 S.

Fünfstück, H.-J., Ebert, A., Weiß, I. (2010): Taschenlexikon der Vögel Deutschlands. - Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim: 685 S.

Pätzold, R. (1986). Die Heidelerche und Haubenlerche. Die Neue Brehm Bücherei 440. – A. Ziemsen Verlag Wittenberg Lutherstadt: 183 S.

Pätzold, R. (2003): Kompendium der Lerchen Alaudidae. – Jan Schimkat Medienpublizistik Dresden: 431 S.

Steffens, R., D. Saemann & K. Grössler (1998 ): Die Vogelwelt Sachsens. – Gustav Fischer Verlag, Jena-Stuttgart-Lübeck-Ulm: 530 S.

Steffens, R., Nachtigall, W., Rau, S., Trapp, H. & Ulbricht, J. (2013): Brutvögel in Sachsen. – Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden: 656 S.

Stickroth, H. (2005): Brutvögel (Aves). - In: Günther, A., Nigmann, U., Achtziger, R. & Gruttke, H. (Bearb.) (2005): Analyse der Gefährdungsursachen von planungsrelevanten Tiergruppen in Deutschland. - Naturschutz und Biodiversität 21: 113-175

Südbeck, P., Andretzke, H., Fischer, S., Gedeon, K., Schikore, T. S., Schröder, K. & Sudfeldt, C. (2005): Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands. Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten und des Dachverbandes der Deutschen Avifaunisten DDA (Hrsg.) – Mugler Druck-Service, Hohenstein-Ernstthal: 790 S.

Südbeck, P.; Bauer, H.-G.; Boschert, M.; Boye, P. & Knief, W. (2007): Rote Liste und Gesamtartenliste der Brutvögel (Aves) Deutschlands. 4. Fassung, 30. November 2007. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (1): 159-227

Urs N. Glutz von Blotzheim (Hrsg.): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Mit einem Lexikon ornithologischer Fachbegriffe von Ralf Wassmann. Vogelzug-Verlag, Wiebelsheim 2004, ISBN 3-923527-00-4 (CD-ROM für Windows, MacOS, Unix usw., als PDF-Datei: 15.718 Buchseiten mit 3200 Abbildungen).

Bearbeitungsstand und Bearbeiter des Artensteckbriefes

Stand: 22.12.2015; Bearbeiter: Dr. André Günther und Marko Olias (Naturschutzinstitut Freiberg); Hinweise und Änderungsvorschläge bitte an: Heiner.Blischke@smul.sachsen.de

Legende zum Artensteckbrief unter: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22872.htm; Informationen zur Artengruppe für Sachsen: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/22988.htm